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Web, Kultur & Reallife

6 September 2018

Social Media Meltdown

Vor ein paar Jahren war meine Meinung über Sozial Media völlig anders - optimistischer. Meine ersten Erfahrungen im Internet waren überragend positiv. Gute Blogs, netter Austausch, konstruktive Auseinandersetzungen. Guter Rat, der mir in sehr schwierigen Zeiten half.

Heute sehe ich das anders. Es hat sich auch verändert. Zum Beispiel Twitter entwickelt sich in eine ganz böse Richtung. Gruppierungen, die jeden Hashtag mit Propaganda vollspammen, sind seit gut zwei Jahren Standard.

Doch was wird uns geraten? Wie reden sich die Plattformen heraus (und halten so die Anzahl der Nutzer hoch)?

Wir sollen als Zivilgesellschaft kommentieren, Gegenrede betreiben und mitteilen, dass wir menschenfeindliche Meinungen nicht teilen. In der Theorie super, in der Praxis schlecht.

Propaganda ist eine Ressourcenschlacht.

Arbeitslose, Jugendliche oder bezahlte Trollfabriken sitzen am längeren Hebel. Sie haben mehr Zeit. Mehr Zeit als ich Freizeit habe, um hinter jeden dämlichen Kommentar zu schreiben, dass es keine Chemtrails gibt und man selbst überprüfen kann, dass die Welt keine Scheibe ist. Dass Homöopathie nicht über den (durchaus auch begrenzt wirkenden) Placebo-Effelt hinaus geht oder nicht jeder Migrant von Merkel persönlich eingeladen wurde.

Klar, ich kann eine Antwort darauf schreibe, aber ich müsste es hunderte Mal tun und das wissen die.

Es ist wie bei sonstigen Spam. Wenn dir jemand in schlechtem Deutsch schreibt, dass er einige Millionen aus dem Land schaffen muss und dir dafür 20% überlässt, dann schreibt er das so falsch, damit auch nur die Dümmsten darauf antworten. Die sind leichter zu betrügen. Alles andere ist für ihn Zeitverschwendung.

Propaganda, um die eigene politische Richtung zu verbreiten ist das eine, andere verdienen mit wilden Behauptungen und Verschwörungen in alle Richtungen einfach nur Geld. Als Buch, Social Media Profil, durch Spenden oder Webseite. Dann sind da noch die Trollfabriken, die den Zusammenhalt in anderen Ländern schwächen wollen.

ICH: HABE: KEINE: ZEIT: FÜR: DIESEN: SCHEIZZ: MEHR

Twitter musste erst seine API kastrieren, sodass meine Timeline sich auf andere Netzwerke ausgebreitet hat, was ja schön ist. Aber sobald diese größer werden, werden sie auch als Propaganda-Ziel attraktiver.

Ich bin froh, dass ich mich zurückziehen kann und heutige Jugendliche sind nicht so doof, dass sie noch ihren Facebook-Account benutzen. Die sind längst auf anderen Plattformen und Messenger zurück gegangen. Da werde ich fast neidisch, wenn ich an ICQ denke und wie weniger Müll man dort lesen musste.

Ich diskutieren weiterhin gerne über solche Themen, aber nicht mit Fake-Accounts, lieber in meinem Umfeld, wo meine Meinung und Argumente etwas zu sagen habe und nicht an der Masse an Sockenpuppen abprallen.

Diskurs gescheitert

Vor einigen Wochen hatte ich so eine Diskussion über die Frauenquote. Bisher wurden noch Argumente ausgetauscht und mir wurde wieder ein Pseudoargument geschrieben, dass Länderen, die eine Frauenquote haben, keine Verbesserungen in den Entscheidungen gesehen hätten.

Gott, war ich glücklich, denn das bestätigt genau das Gleichberechtigungsargument: Es ist weder schlechter noch besser, genau darum geht es. Die Entscheidungen sind im Schnitt genauso gut oder schlecht wie vorher, es sind nur mehr Frauen in den Vorständen.

Zack! Die Maske fiel.

Als Reaktion kam, dass ich doch ein linksgrünversiffter Fremdgesteuerter wäre. Aha! Das ist der Moment, wo ich merkte, dass dieser Punkt an mich ging. Treffer und argumentativ versenkt.

Doch.

Wie geht es weiter?

Wir sollten uns klar machen, dass verschiedene Interessensgruppen dort quasi in Massen trollen für ihre Propaganda und in so einer Beständigkeit, dass diese Netzwerk als tägliches Medium ziemlich toxisch sind.

Wer ein Beispiel braucht, liest Kommentare unter irgendeinem Nachrichtenportal auf Social Media. Diese Bühnen der Aufmerksamkeit ziehe Trolle, wie das Licht die Mücken an.

Kostet nix außer Zeit.

Aber was tun?

Abschalten? Klar, Hashtags abschaffen, Kommentare unter Links nur noch von den eigenen Follower oder gleich zu machen? Was ich vor 6 Jahren noch als Erungenschaft lobte, ist leider in weiten Teilen nur noch eine Bühne für Müll.

Das wird so nicht passieren, da Nutzerzahlen und die Anzahl der Nachrichten und aktiven Accounts durch die Vermarktung der Plattformen zu Geld gemacht werden.

Im Kapitalsmus sind auch Fake-Accounts Gold.

Betreibt doch Gegenrede. Haha, noch mehr Nutzer für uns..

Die Demokratie muss das aushalten. Das hörte ich schon mehrfach. Viel Glück dabei, das kann sie gerne machen, aber ich gehe lieber ein paar Mal im Jahr auf eine politische Demo und dann ist die Sache für mich erledigt, statt mir die Ressourcenschlacht im Netz in meiner Freizeit zu geben.

K THX BYE

Unter anderem ist deshalb mein Blog wieder zurück.